Reboot Wellness – Was ist damit gemeint?

Computernutzer kennen das: das System wird immer langsamer…es geht immer weniger. Man braucht immer länger auch für die einfachsten Verrichtungen…schließlich hilft nur ein “Reboot” – ein neuer Anfang. Davor wird bei den Computern das System heruntergefahren, die Arbeitsspeicher werden geleert, Routinen, die mehr und mehr Kapazität unsichtbar im Hintergrund in Anspruch genommen haben, beendet, um dann wieder neu mit dem Eigentlichen, auch dem Ursprünglichen, dem Wesentlichen von vorne zu beginnen. Das also ist mit Reboot Wellness gemeint.

Poetischer hat Hermann Hesse das in seinem Gedicht “Stufen” ausgedrückt. “Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde”. Das kann und sollte man bei einem Blick auf das Gesundheitswesen durchaus als Appell wörtlich nehmen. Dann müsste man feststellen, dass das, was wir Gesundheitswesen nennen, eigentlich korrekter als Krankheitswesen bezeichnet werden müsste. Nicht nur, dass von Gesundheit kaum die Rede ist. Alles ist zentriert auf Krankheit. Pathogenese, nicht Salutogenese ist die Achse um die sich alles dreht. Ob Salutogenese, also die Frage, was eigentlich Gesundheit schafft, in absehbarer Zeit die Aufmerksamkeit bekommen wird, die diesem Thema beziehungsweise dieser Frage eigentlich zukommt, erscheint mir meilenweit vom Fokus unserer öffentlichen Aufmerksamkeit entfernt zu sein. Aufmerksame Betrachter dieses Problemfeldes werden sich wahrscheinlich noch lange mit luziden Betrachtungen wie denen von Hans-Georg Gadamer ” Über die Verborgenheit der Gesundheit” (Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1993 – 2te Auflage) begnügen müssen oder sie überlegen sich, dass etwas getan werden muss und beteiligen sich zum Beispiel mit Beiträgen an unserem Blog oder machen sonstwie deutlich, dass Gesundheit es verdient, aus ihrer Verborgenheit hervorgeholt zu werden. Das könnte dazu führen, dass mehr Menschen sich aktiv und selbstverantwortlich um ihre Gesundheit kümmern.

Genau dieses war die Intention der ursprünglichen Wellness-Bewegung. Don Ardells Buch: High Level Wellness – An Alternative to Doctors, Drugs and Disease (Rodale Press 1977) kondensierte die Perspektiven der in den 1950er Jahren in den USA entstandenen Gesundheitsbewegung zu einem aktionszentrierten Ansatz, der wohl eine eher kleine Gruppe wirklich begeisterte und in der Tat ein engagiertes Plädoyer für die großen Möglichkeiten war, die sich denjenigen eröffnen, die sich tatsächlich aktiv ihrer eigenen Gesundheit annehmen. Heute mehr als 30 Jahre später kann man zwar sehen, dass die Grundprinzipien eines wellnessorientierten Lebensstils funktionieren. Die Protagonisten sind immer noch rebellisch und erstaunlich lebendig…sie zeigen beim näheren Hinschauen, dass man mit einer aktiven Wellnessorientierung gut altert; und das ist angesichts unserer demographischen Gegebenheiten kein unwichtiger Aspekt. Handlungsrelevant in unserer gegenwärtigen gesundheitspolitischen Diskussion ist das allerdings noch nicht. Noch ist Krankheit eine so attraktive Geschäftsgelegenheit, dass die Thematisierung von Gesundheit in ihren Kernaspekten, so wie die frühe Wellnessbewegung das praktiziert hat, kaum ein öffentliches Thema ist.

Wellness 2009 ist ein Begriff, den die Geschäftemacher erfolgreich gekapert haben. Wellness steht auf vielen Sachen und Angeboten drauf…ob Wellness drin ist, ist der näheren Betrachtung wert. In unserem Blog werden wir solche Betrachtungen anstellen und hoffen auf ein lebendiges, kritisches, aktives Echo unserer Leser. Eine Leitfrage wird uns dabei immer beschäftigen: wo sind die ungenutzten Potentiale in unserem Gesundheits- wie auch Krankheitssystem?

Eine erste und klare Anwort auf die Frage findet jeder, der sich mit der Geschichte der Wellnessbewegung beschäftigt: das größte, aber wahrscheinlich am meisten vernachlässigte Potential sind wir selbst mit einer Vielzahl ungenutzter Fähigkeiten und Möglichkeiten. In der Vielzahl der cleveren Angebote der Gesundheits- wie auch Krankheitsmärkte ist dieser Aspekt wenig sichtbar – ganz wie Gadamer es in seinem Essay zur Verborgenheit der Gesundheit subtil beschreibt.

Im Moment reden wir im Kontext der gerade konfigurierten Klimakonferenz in Kopenhagen von einer möglichen Klimakatastrophe. Vielleicht reden wir demnächst auch von einer möglichen Gesundheitskatastrophe. Wir sollten nicht darauf warten und erst dann etwas tun…

Ob Igel-Leistungen ( Individuelle Gesundheitleistungen) die richtige Antwort sind, sollte man kritisch hinterfragen, wie die ARD- Panorama-Sendung  am 10.12. 2009 getan hat.Auf seiner Website fasst Panorama den Beitrag wie folgt zusammen:

“In vielen Arztpraxen geht es bisweilen zu wie auf dem Jahrmarkt: Plakate und Broschüren informieren über alle möglichen Vorsorgeuntersuchungen, neuartige Behandlungsmethoden werden den Patienten als Heilsbringer angepriesen.

Arzt mit Stethoskop.  Fotograf: Patrick Pleul

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Kassenpatienten werden in Deutschland offenbar immer häufiger von Ärzten zu Behandlungen und Untersuchungen gedrängt, die sie teuer aus eigener Tasche bezahlen müssen. Viele davon sind noch dazu von fragwürdigem Nutzen. Um möglichst viele dieser so genannten  “IGEL-Leistungen” an den Patienten zu bringen, lassen sich Ärzte in speziellen Seminaren zu perfekten Verkäufern schulen.

Dass diese “Individuellen Gesundheitsleistungen” dabei häufig schlecht erforscht und wirkungslos sind, verschweigen die Ärzte gerne. Denn mit solchen Angeboten verdienen sie ein Vielfaches dessen, was ihnen eine normale Kassenbehandlung einbringen würde. Mittlerweile wird der Umsatz mit solchen Leistungen auf eine Milliarde Euro jährlich geschätzt.”

Nur ein aktuelles Beispiel für die Konfusion auf Märkten, wo deutlich wird, dass der “mündige Patient” oder der “kompetente Verbraucher” wohl bisher kaum existiert.

“Reboot Wellness” meint, dass genau die Kompetenz, die Spreu vom Weizen zu trennen und klar entscheiden zu können, was der Gesundheit nützt und was nicht, eine der Kernkompetenzen eines in Selbstverantwortlichkeit trainierten Bürgers ist. Damit kann er dann auch entscheiden, ob in Angeboten, auf denen Wellness oder “das ist gut für Ihre Gesundheit” steht, ihm ein fairer Deal angeboten wird oder ihm eine Mogelpackung untergejubelt wird, die vor allem dem Anbieter nützt und die in der Regel das Geld nicht wert ist, das hier gefordert wird. “Reboot Wellness” meint, an die aufklärerische Qualität der frühen Wellnessbewegung anzuknüpfen und mit einem klaren Blick das Geschehen auf den Gesundheitsmärkten einzuschätzen. Was dabei in den Mittelpunkt tritt ist eine simple Wahrheit. Ich zitiere dazu aus Don Ardells letztem Buch “Aging Beyond Belief”:

Somebody has to do something;

and it is just incredibly pathietic

that it has to be us.

Jerry Garcia, Grateful dead -

Das tiefe Credo der originären Wellness-Bewegung meint genau das: Wir selbst müssen etwas tun. Das kann heißen: genügend eigene körperliche Aktivität, weil unser Körper auf hinreichende Belastung programmiert ist oder aber richtige Ernährung, weil unser Körper genau so gut sachgerecht behandelt werden will wie unsere Autos mit leistungsfähigen Motoren, denen wir Superbenzin mit der richtigen Oktanzahl spendieren, damit sie leistungsfähig bleiben und nicht vorschnell am Straßenrand verecken. Natürlich ist es eindrucksvoll, wenn der Chrom glänzt…aber ob das Auto dadurch besser fährt???  Der Wellness-Bewegung geht es auch heute  noch um diese Kompetenz…die scheint in der Fülle und unter dem Druck der glitzernden und verführerischen Angebote etwas verloren gegangen zu sein. Deshalb unser Hinweis: Reboot Wellness! oder kümmern Sie sich um Ihre Gesundheitskompetenz!


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  1. Donald B. Ardell sagt:

    Let’s Create A New Concept To Promote Healthier, More Enjoyable Lifestyles

    The terms health, prevention and even wellness are all used in varied ways to mean different things, but it is rare that these and other health-related terms addresses all the key qualities needed for the highest forms of human functioning. What lifestyle embodies and advances our best physical and mental capacities? Let’s consider adopting a term that means quite specific qualities. Most of the time, important elements of effective living get too little or no attention at all

    But, before picking a term to describe a great lifestyle, let’s identify the qualities we value. What should the highest imaginable lifestyle encompass? Besides the obvious virtues of exercise, good diet and the absence of behaviors or attitudes that compromise or diminish health status (e.g., alcohol abuse, smoking and that sort of thing), what should we include?

    I’ll offer a partial list – I’m sure you can add to it – and I encourage you to do so. After I complete my own short list, below, I’ll offer a term for this concept. If you like it, maybe we can use the term to promote genuine well-being with all the key parts.

    To begin, let’s identify the vital qualities to develop, practice and experience. Then, when we want to describe living in a way to enjoy life to the greatest degree possible that advances well-being, we’ll be describing the same lifestyle.

    Whatever we call it, a terrific lifestyle, in my view, should be guided by reason, exuberance and liberty. This means the nature of the lifestyle is shaped in accordance with effective thinking processes, the purpose of it all is happiness and joy and the framework is freedom. An acronym that captures these three qualities of lifestyle functioning is REAL – for reason, exuberance and liberty. The opposites of these states are irrationality, sadness and no options or choices.
    A lifestyle is not a service, remedy or product. It is a composite of the way you choose to live – it can’t be packaged and sold by a company or vendor. You have to create it – so keep it REAL: – that is, rational, fun and your own doing.

    Besides reason, exuberance and reason, what shall we mean when we use the special term of an optimal lifestyle?

    How about a knowledge of and passion for happiness, ethical living, a respect for the environment (global awareness) and ample meaning and purpose?

    What shall we call a deliberate mindset or philosophy inspired by reason, exuberance and liberty with these additional qualities, the conscious purpose of which is to achieve, maintain and fine-tune a high quality of life?

    I have a term. Before I mention it, consider this: What has just been described is so much more than “health” or non-illness as most think of health. Don’t you agree? And it’s more than prevention – which basically means avoidance of an unpleasant situation. What I’m describing is something to work for, to seek – a life quest that is never ending while life remains. It is a process, not an outcome.

    These qualities set our special lifestyle apart from terms associated with vitamins, medical treatments (e.g., chiropractic) or anything done to or for you – instead, it is how your life is being described.

    The word I propose is part of the entire idea of living this way – to embrace reason, exuberance and liberty in service of a better quality of life.

    I offer the term or phrase REAL wellness.

    REAL wellness education, materials or programs need never dwell on risk reduction strategies or ways to manage illness and/or disease, though these are important aspects of broader health promotion. The key areas of REAL wellness living will be to think about and act upon global awareness/environmental sensitivity (a green consciousness), the quest for added meaning and purpose, ethical awareness and fine-tuning, understanding the dynamics of happiness (and experiencing more of it) and thinking critically using reason, skepticism and doubt. Of course, much more is involved, such as the foundation lifestyle areas (exercise and fitness, management of stress and sound dietary habits, among other positive skill areas).

    If we are going to promote wellness, let ensure everyone knows that we mean the real thing or, in this case, REAL wellness.

    Your thoughts on this matter would be appreciated. What do you think?

  2. Dirk Peters sagt:

    Dear Donald,

    it was a pleasure reading your text about the meanders in wellness and the real cernal of wellness. So finding a new term for what is really meant by wellness would be a great achievement and I have been thinking about this as well for many times.
    But there is one problem, I didn’t find a solution for so far.

    A new term would need some kind of regulation and controlling.

    If everybody would be able to use for example your proposed term “REAL wellness”, many people would do so to upvalue their products and the problem would have been changed from “wellness” to “REAL wellness”.

    If the term would be protected like a registered trade mark (the only possibility I know how words can be protected, because there is a freedom of expression) this would limit the spread of this term, because everybody who wants to use this term would need to register somehow and get the permission to use it. But what is the advantage of a term, that can not be used easily and will only be know by a small and exclusive number of people.

    I would be very interested in your ideas about this topic.

    Thanks and best regards,

    Dirk

    (Member of the Deutscher Wellnessverband)

  3. Mark Schmid-Neuhaus sagt:

    There is a realistic solution: Develop your health competency. This is the only means to differentiate quality from scrap. You can hardly delegate your own and finally personal responsibility to a trademark. Why not become really competent in all things that really matter for yourself? I know that this is a challenge….but real life is full of challenges.
    So dare to go for it….

    Mark

  4. Don Ardell sagt:

    Hello Dirk:

    Thanks for your fine message and thanks also for your kindness and skill in writing in English. Much appreciated. If I had my wasted youth to relive, I would study German – but it never occurred to me as a youth that I would someday be a member of DWV.

    I was pleased to learn of your interest in the form of wellness beyond fitness, nutrition and the like that focuses on reason, exuberance and liberty for a quality of life orientation. After all, the whole point of living well should be happiness, fulfillment and days filled with meaning and purpose, don’t you suppose?

    I don’t know how we can impose regulation and a controlling pressure on a phrase. However, we can promote an understanding of what we mean by it.

    Yes, there are risks in allowing anyone to use “REAL wellness” any way he or she pleases, most likely so as to upvalue their products and jejune ideas!!!!

    Then the problems with wellness with transfer to REAL wellness.

    On the other hand, if I register REAL wellness, few will use it for the reasons you describe,

    I will not trademark or otherwise register it. I want it in the public domain.

    Let’s work to secure for this phrase the meaning we prefer.

    All the best.

    Don

  5. Dirk Peters sagt:

    Dear Don,

    I think this is the only and best way. And the good thing about this is, that the term “REAL wellness” will be understood in many countries and languages.

    So lets promote the term but more the idea behind. And live it, this is most important.

    Best,

    Dirk

  6. Don Ardell sagt:

    Hi Dirk

    Yes, the term is helpful in getting attention for a mindset beyond simple good health and basic activities such as exercise, wise nutrition and all of that, but the ideas associated with the phrase are the key elements to promote.

    Another element of REAL wellness is perspective. It is so tempting get overly dramatic, to overreact and to “horrabolize” one crisis or another – and we usually have more than enough of such things to keep the populations on high alert – needlessly and without a positive return.

    Quentin Crisp said, “You should treat all disasters as if they were trivialities but never treat a triviality as if it were a disaster.”

    Disasters are serious business; they are not trivial to the ill affected. Yet, however tragic the events and circumstances, at some point victims and observers alike face an unavoidable “now what?” point in time. Life continues and the future depends on dealing with the now.

    When that reality sets in, a time for an effective perspective is at hand. Such thinking and action can be denied and postponed for a while, but addressing the matter, for better or worse, is inevitable. Thus, a conscious regard for one’s own life quality and the interests of others near and dear must animate an effective sense of perspective.

    Few horrors in recent times, perhaps none save the Bush presidency, rival the loss of life and utter devastation that nature inflicted on Haiti earlier this month. It wasn’t personal and, despite crazy talk by rabble-rousers such as our deplorable televangelist Pat Robertson, it’s unlikely any supernatural being did the deed either because of a 200 year-old grudge or because Haitians did not pray enough or quite as a deity would like or any other violation of rules set our by one or more beings supreme and huge and omni-everything. Earthquakes, like tsunamis, tornados and meteor strikes, are naturally occurring events. All are part of nature, now and in times to come, as has been true for billions of years. It’s not personal.

    Many people are not so good at perspective in cases like this and other disasters.

    Perspective takes many forms – there is wise perspective and not-so-smart perspective. Smart perspective is important for everyone – and therefore we should seek information, learning, counsel and other forms of education to continually advance our capacities for effective perspective. Even then, good and kind people will not always agree on the nature of the best perspective on any given matter. But, that subjective factor is no reason to neglect fine-tuning your sense of and skill at such a precious thing. “Perspective skill building” might be a needed addition to the list of talents worth cultivating by everyone who cares enough to make sensible lifestyle choices and, in fact, to go beyond the “sensible” level – to strive for great lifestyles via REAL (reason, exuberance and liberty-focused) wellness for ever-enhanced quality of life.

  7. Mark Schmid-Neuhaus sagt:

    “Perspective Skill Building” als bedeutsame Fähigkeit, um kluge Lebenstilentscheidungen zu fällen, ist eine gute Konkretisierung, wie man seine “Gesundheitskompetenz” entwickeln kann. Wie aktuell das Thema “Wellness” dann doch ist, wurde mir gestern bei der Lektüre eines großen Aufsatzes (2Seiten) in der FAZ vom 30.1.2010 – Zieh Dich aus, schwitz Dich frei! – klar. Der Autor versteht Wellness überwiegend als passives Event einer cleveren Wellness-Industrie, die auch in Deutschland gigantische Ausmaße erreicht hat. Ein 70 Milliarden Euro Markt ist schließlich nicht zu verachten. Was dem Aufsatz fehlt, ist aber just jenes “Perspective Skill Building”, das man braucht, um auf einem derartig diversen Markt kluge Kaufentscheidungen zu fällen.

    Wer hierzu konkrete Anregungen sucht, dem seien die Bücher der Harvardpsychologin Ellen Langer empfohlen, die sich über viele Jahre hin schon auf das Thema “Mindfullness” (schwer zu übersetzen) konzentriert hat. Sehr zu empfehlen für die Alltagsgestaltung “On becoming an Artist – Reinventing Yourself Through Mindful Creativity”. Auch das ist Wellness, allerdings nicht passives Verwöhnenlassen, sondern aktives Gestalten mitten im Fluss des Lebens!

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