Ist Gemütlichkeit peinlich?

SPA Lounge im Hotel Ritter/ JOI-Design

Wir (JOI-Design) sind gestalterisch tätig für Wellnessanlagen, Restaurants und Hotels.
Von der Ausbildung her sind wir Innenarchitekten – aber oft steht unsere Arbeit im Widerspruch zu gängigem Architekten-Mainstream.
Architekten mögen es gerne schwarz / weiß kariert, sie suchen Bezugspunkte, versuchen fluchtende Linien zur Deckung zu bringen, reduzieren Form und Farbe bis zum weißen Würfel, betreiben Formalismus ohne auf Praktikabilität zu achten …. ?
Ist das der Grund, warum unser Terrain zunehmend an Generalunternehmer und planende Ausführungsbetriebe geht?
Haben Innen-Architekten generell eine Cool-Design-Macke, die sie per se disqualifiziert Bereiche zu gestalten, in denen sich Menschen wohl fühlen sollen?
Muss das „wahrhaftige, schöne, gute“ dem Architekten so gerne nachjagen immer entrückt, unnahbar sogar unterkühlt sein?
Ist Gemütlichkeit peinlich ????????????
Unter Architekten wird Behaglichkeit oft assoziiert mit Bierdunst geschwängerter Luft, thumber Volkstümelei, rustikalem Spießertum, … und noch schlimmerem.
Im Gegenzug sehen breite Teile der Bevölkerung die Architekten als Spinner im Elfenbeinturm, die menschenfeindliche Räume bauen – die eher an Schlachthäuser als an „Wohlfühlbereiche“ erinnern.
Vielleicht ist an Beidem etwas dran!
Möglicherweise denkt man bei „Architekt“ automatisch an die Stars der Szene, die vor allen Dingen bekannt würden durch Bürotürme in Stahl und Glas.
Unser Selbstverständnis ist jedoch ein Anderes:
Wir wollen mit unserem Design nicht Menschen erziehen, sondern wir wollen sie mit Atmosphäre umarmen. Menschen sollen sich in unseren Räumen wohl fühlen – insbesondere in der Freizeit und ganz speziell, wenn sie fast nackt, dem Raum schutzlos ausgeliefert sind.
Wellness-Gestaltung ist aus unserer Sicht auch ein Stück optischer Wellness. Wohlbefinden für das Auge. Wohlbefinden im Raum ist auch ein Stück Wohlbefinden für die Seele – und damit ein Kernthema des Wellnessgedankens, der ohne „gute“ Innenarchitektur nicht zu Ende gedacht ist!

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  1. Lutz Hertel sagt:

    … mit Atmosphäre umarmen – das ist eine wunderbare Formulierung. Ich habe da zwei persönliche Erfahrungen gemacht. Einerseits bin ich von puristischem Design beeindruckt, wenn ich es betrachte, z.B. in Fotobänden über Designhotels. Andererseits möchte ich mich darin aber nicht wirklich selbst aufhalten.
    Ich denke zum Beispiel an die bekannten Fotos von der Therme Vals, auf denen nie ein Mensch zu sehen ist, nur Wasser und Stein, die vertikal aufeinander treffen. Wow! Das sieht wirklich grossartig aus. Aber ich hätte kein bisschen Lust, dort auch nur 15 Minuten im Pool zu verbringen. Mit welcher Perspektive gehen die Architekten also an ihre Arbeit? Ich glaube, sie stellen sich hauptsächlich vor, wie etwas aussieht und nicht, wie sich die Umarmung anfühlt. Und es gibt wohl den einen oder anderen Codex, was zeitgemäß, also neudeutsch „hipp“ ist.
    Dass mir die Klarheit von Einrichtungen á la Zen-Purismus so gefällt liegt vielleicht daran, dass alles so schön aufgeräumt ist. Das schaffe ich nämlich nie in meinem Büro oder in meiner Wohnung bzw. nur für winzige Momente. Aufräumen macht mich zufrieden – wohl fühle ich mich aber doch erst wieder, wenn nicht alles perfekt im rechten Winkel steht und liegt. Deshalb meine ich: Behaglichkeit sollte doch das Ziel sein, wenn ich Räume als Orte des Wohlfühlens aufsuche. Ich glaube, dass deshalb auch das “gemütliche” Sofa der liebste Ort des zivilisierten Menschen in seiner Wohnung ist (wie schneiden da wohl die coolen Designer Leder-und-Stahl-Sofas ab?).
    Was heißt das dann aber für Funktionsräume in Wellness-Einrichtungen? Sauna (Holzkiste), Fitnessraum (Folterkammer), Beautykabine (klinische Hygiene), usw. Wie lauten hier die Erfolgsformeln für den kleinsten gemeinsamen Nenner gelingender atmosphärischer Umarmung? Joachim Hallwachs hat sich inzwischen zu Wort gemeldet: Form and Function follow Emotion. Das muss jetzt noch übersetzt werden. Da sind wir dann möglicher Weise wieder am Anfang – siehe oben.

  2. Peter Joehnk sagt:

    … das Problem fehlender Umarmung ist sicherlich in der Architekturphilosophie begründet, wo sich seit Zeiten des Bauhauses (vor fast 100 Jahren !!!) die Gestaltungsvorgabe maximaler Reduktion zur Schaffung minimalster Räume festgesetzt hat und aus den Köpfen dogmatischer Architekten nicht wieder zu entfernen ist.
    … aufgeräumte Räume sind schön, aber auch furchtbar distanziert – perfekt für Fotos in Hochglanzmagazinen, interessant auch zu sehen, aber für den längeren “gemütlichen” Aufenthalt ungeeignet.

    … Das was die Industrie bisher bietet mit Holzkisten für Saunan, Folterkammern für Fitness und Großküche/Schlachterei für Hygienebereiche ist natürlich auch keine Lösung … da hat Joachim Hallwachs recht: Emotionen sind das, was berührt und Emotionen kann man auch bauen … vernünftigerweise so bauen, dass die Funktion erhalten bleibt.

  3. Wow …einen so brillianten Beitrag habe ich schon lange nicht mehr gelesen!

    Es tut gut, solch grundlegende und geradezu philosophischen Ansätze zu lesen, die sofort meinen Horizont und meine Meinung beeinflusst haben.

    Diese Fragen waren wie das letzte Puzzleteil, das mir nun einen ganzheitlichen, neuen Blick zu diesem Thema geben. Schon länger brüte ich jetzt daran, wohin sich das gesellschaftliche Empfinden gerade bewegt und ich spüre da einen starken Wandel und ein nie zuvor dagewesenes Streben nach Natürlichkeit nach all den Jahren des “hochentwickelten industriellen Hochglanzes”. Ich denke, dieses erste Empfinden wird nur der Anfang sein und bald definiert sich Luxus nicht mehr länger durch Perfektion aus Kunststoffen, sondern durch das höchste Maß an Ursprünglichkeit – die kubistische Form hat dann ausgedient und alles, was – weg von der Massenproduktion – “handgemacht” oder “natürlich entstanden” scheint, wird uns zufriedenstellen. Auf diesem Weg wird dann wohl auch die verloren gegangene Gemütlichkeit als Stilempfinden auf hohem Niveau wiederentdeckt werden und wir dürfen uns endlich wieder in einer Welt und in Räumen bewegen, die uns daran erinnern, dass wir organische und natürlich gewachsene Wesen jenseits der Kuben und Zylinder – und alles andere als sachlich – sind.

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