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Zwanzig Jahre Wellness in Deutschland – ein Jahr Wellness-Agenda: Mein persönliches Fazit

Geposted Allgemein, Reboot Wellness am Dezember 31st, 2010 von Lutz Hertel – Be the first to comment

Heute, am letzten Tag des Jahres 2010, habe ich noch einmal einen Blick auf alle Beiträge dieser Internetseite geworfen und die für mich interessanten Kommentare zusammengefasst. Es war die Intention dieses Blogs, Themen der professionellen Wellness- und Spa-Community zu präsentieren und mit den Leserinnen und Lesern zu diskutieren. Hierfür hatten wir 37 ausgewiesenen Experten als Autoren gewonnen – die meisten von ihnen schrieben Beiträge aus ihrem Kompetenzfeld, wofür ich herzlich danken möchte.

Bilanz nach 20 Jahren

Für den Deutschen Wellness Verband stand nach 20-jähriger Existenz ein Jahr der Bilanz an. Was haben wir erreicht? Wo stehen wir heute? Sicher ist es ein Erfolg, im eigentlichen Sinne von Wellness die führende Organisation in Europa zu sein. Dabei haben wir uns nicht in einem Elfenbeinturm verschanzt, sondern die Herausforderungen der Kommerzialisierung und Trivialisierung eines Lebensstils angenommen. Nachdem in den 90er Jahren deutlich wurde, dass Wellnesskonzepte für das betriebliche Gesundheitsmanagement im deutschsprachigen Raum keine Akzeptanz finden (vollkommen entgegengesetzt zu den USA), konzentrierten wir unser Engagement auf den Freizeitbereich, insbesondere den Tourismus. Wir formulierten bereits 1993 Qualitätsstandards für Wellnesshotels und Wellnessurlaub. Heute gilt unsere Qualitätszertifizierung als die zuverlässigste und transparenteste . Wir haben uns davon abgesehen intensiv um die Aufklärung beider Seiten des Marktes gekümmert. Unfug, Nonsens, Geldschneiderei und Volksverdummung haben gerade im Wellnessmarkt ihre Blüten getrieben. Das haben wir nicht hingenommen, sondern in der Zusammenarbeit mit unseren Experten, den Massenmedien und Presseagenturen Well-Nepp entlarvt. Dazu gehörte in den letzten Jahren auch das Thema „Medical Wellness“. Trotz der Anfeindungen und Ausgrenzungen, die uns dafür ständig von Anbieterseite widerfahren, sind wir im Sinne der Sache und zum Wohle des Bürgers unserer unabhängigen, seriösen Linie treu geblieben. Doch haben wir nicht nur Kritik geübt, sondern auch konstruktive Wege aufgezeigt – zum Beispiel aktuell mit dem Deutschen Wellness Gipfel, der in diesem Jahr stattfand. Wir haben in 2010 auch den Green Spa Kodex formuliert und damit der Branche einen Leitfaden für den nachhaltigen Betrieb von Spa- und Wellnesseinrichtungen an die Hand gegeben. Seit 17 Jahren treten wir für ein Wellness-Programm für herzkranke Menschen ein und führen im Düsseldorfer ambulanten Herzreha-Zentrum unter professioneller Leitung dieses Programm durch. So sind wir 20 Jahre im Großen wie im Kleinen unserem Auftrag gefolgt: die Gesundheit und das Wohlbefinden der Bevölkerung im Sinne von Wellness auf ganzheitlicher Grundlage zu erhalten und zu verbessern. Mit Dr. Don Ardell, einem der weltweit bedeutendsten Experten und Pionier der Wellnessbewegung, haben wir in 2010 mit unserem Bekenntnis zu REAL Wellness einen Kontrapunkt zu der heutigen Spa-Wellness-Kultur gesetzt. Wir werden dieses Programm auch 2011 auf unserer Agenda haben und damit der „Wellness Community“ konstruktive Impulse geben.

Mein Fazit zur Wellness Agenda 2010:

Unter dem Titel Reboot Wellness stellten wir die These auf, dass es Zeit wäre, das System „Wellness“ in Deutschland noch einmal neu zu starten, analog zu einem abgestürzten PC-Betriebssystem. Denn das, was sich heute in Deutschland als Wellness darstellt, hat wenig bis gar nichts zu tun mit dem, was Wellness im eigentlichen Sinne ist und meint. Dr. Mark Schmid-Neuhaus, Vorsitzender des DWV-Beirats, eröffnete die Diskussion mit einem Grundsatz-Aufsatz. Darin stellte er fest:
„Das tiefe Credo der originären Wellness-Bewegung meint genau das: Wir selbst müssen etwas tun. Das kann heißen: genügend eigene körperliche Aktivität, weil unser Körper auf hinreichende Belastung programmiert ist oder aber richtige Ernährung, weil unser Körper genau so gut sachgerecht behandelt werden will wie unsere Autos mit leistungsfähigen Motoren, denen wir Superbenzin mit der richtigen Oktanzahl spendieren, damit sie leistungsfähig bleiben und nicht vorschnell am Straßenrand verrecken. Natürlich ist es eindrucksvoll, wenn der Chrom glänzt…aber ob das Auto dadurch besser fährt???  Der Wellness-Bewegung geht es auch heute  noch um diese Kompetenz…die scheint in der Fülle und unter dem Druck der glitzernden und verführerischen Angebote etwas verloren gegangen zu sein.“

Manfred Müller, Experte für Food & Beverages im Kompetenzteam des DWV, stellte an anderer Stelle, aber passend dazu klar: „Das biologische Alter im Verhältnis zum kalendarischen Alter zu optimieren, dazu trägt unter anderem bewusst gesunde Ernährung bei. Die Ernährung immer mehr den wahren Bedürfnissen unseres Körpers anzupassen, damit Funktionsfähigkeit, Lebensfreude und Intelligenz möglichst lange erhalten bleiben und das richtig zu kommunizieren sollte das Bestreben aller an diesem Prozess Beteiligten sein. Im Dschungel der widersprüchlichen Informationen und verlockenden Verheißungen nur das fachlich zu kommunizieren, was einer skeptischen Überprüfung stand hält, sollte vornehmste Aufgabe von verantwortlichen Leistungsträgern aus dem Lebensmittelhandwerk, der Lebensmittelindustrie, Hotel-, Individual-,  Sozial-, Betriebsgastronomie und dem Handel sein.“

Wir wissen, dass wir heute davon so weit entfernt sind wie die Erde von der Sonne. Was wir als Nation mit unserem im weltweiten Vergleich privilegierten Lebensstandard auf dem Bereich der Ernährung, der Ess- und Trinkkultur, tun, ist dekadent, desaströs und unverantwortlich. Bislang ist sich nur ein winziger Bruchteil der Bevölkerung darüber bewusst. Und deshalb muss dieses Thema auch in 2011 auf der Wellness-Agenda bleiben. Der Deutsche Wellness Verband hat vor diesem Hintergrund einen Kooperationsvertrag mit dem Verband der Köche Deutschland abgeschlossen.

Medizin und Wellness

Wie verhält es sich mit der Medizin im Kontext Wellness? Auch dazu wurden auf der Wellness-Agenda 2010 Meinungen ausgetauscht und Erkenntnisse geteilt. Dr. Mark Schmid-Neuhaus kommentierte den Boom der so genannten IGeL-Leistungen in deutschen Arztpraxen: „Ob Igel-Leistungen ( Individuelle Gesundheitleistungen) die richtige Antwort sind, sollte man kritisch hinterfragen, wie die ARD- Panorama-Sendung  am 10.12. 2009 getan hat. Auf seiner Website fasst Panorama den Beitrag wie folgt zusammen: “In vielen Arztpraxen geht es bisweilen zu wie auf dem Jahrmarkt: Plakate und Broschüren informieren über alle möglichen Vorsorgeuntersuchungen, neuartige Behandlungsmethoden werden den Patienten als Heilsbringer angepriesen. Kassenpatienten werden in Deutschland offenbar immer häufiger von Ärzten zu Behandlungen und Untersuchungen gedrängt, die sie teuer aus eigener Tasche bezahlen müssen. Viele davon sind noch dazu von fragwürdigem Nutzen. Um möglichst viele dieser so genannten  “IGEL-Leistungen” an den Patienten zu bringen, lassen sich Ärzte in speziellen Seminaren zu perfekten Verkäufern schulen. Dass diese “Individuellen Gesundheitsleistungen” dabei häufig schlecht erforscht und wirkungslos sind, verschweigen die Ärzte gerne. Denn mit solchen Angeboten verdienen sie ein Vielfaches dessen, was ihnen eine normale Kassenbehandlung einbringen würde. Mittlerweile wird der Umsatz mit solchen Leistungen auf eine Milliarde Euro jährlich geschätzt.” Nur ein aktuelles Beispiel für die Konfusion auf Märkten, wo deutlich wird, dass der “mündige Patient” oder der “kompetente Verbraucher” wohl bisher kaum existiert.“

Dr. Martin Klein, unser zuständiger Experte für „Medizin und Wellness“, beschäftigte sich mit der Vision einer „Neuen Medizin“. Hierzu schrieb er: „Neue Medizin könnte also bedeuten: der Mensch mit seiner Tendenz zur Trägheit, seiner Neigung zur Krankheit und mit seinen Schwächen, aber auch mit seinem Potential, sich selbst helfen zu können, steht im Mittelpunkt unseres Denkens und Handelns. Eine Neue Medizin versteht sich dabei als sich ständig wandelnde Institution, als Teil des Lebens, die zwischen Geburt und Tod versucht, individuelle Bedürfnisse von Menschen zu befriedigen – sei es mit vorbeugenden Maßnahmen, sei es als „Hilfe zur Selbsthilfe“ bei Befindlichkeitsstörungen und natürlich auch als moderne Hochleistungsmedizin, die in vielen Fällen auch Reparaturen durchführen kann und muss. Sie versteht sich aber auch als Wegweiser und Kompass, wenn es darum geht, den ratsuchenden Menschen Alternativen und Wege aufzuzeigen, wenn es um die Darstellung verschiedener Behandlungsmöglichkeiten geht.“

Trend: Green Spa

In der Kategorie „Wellness Trends“ machte Franka Hänig, Chefredakteurin des Magazins SPA inside, auf den Green Spa Trend aufmerksam: „Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein spielen weltweit selbst in Ländern wie z. B. Dubai eine Rolle und auch in Luxus-Hotels, wo man bislang für den Gast aus dem Vollen geschöpft hat, ist ein bewussteres Umgehen mit den natürlichen Ressourcen zu spüren. (…) Sicherlich werden Sie jetzt sagen, das ist alles schön und gut, aber schon allein der CO2-Ausstoß des Flugzeuges, das europäische Gäste zu ihrer Urlaubsdestination bringt, widerspricht jeglicher Theorie von Umweltbewusstsein. Dazu darf ich Gordon Campbell Gray zitieren, der das ökologisch korrekte Carlisle Bay auf Antigua eröffnet hat: „Die Leute reisen sowieso dorthin. Deshalb bin ich da und biete ihnen die Möglichkeit, sich so umweltfreundlich wie möglich zu verhalten.“

Apropos grün: Im Themenbereich Wellness-Design kam es zu einer Diskussion zwischen Praxis und Philosophie über das Gestaltungsfeld des „Wellness-Gartens“.  Der Landschaftsarchitekt Manuel Sauer schrieb dazu unter der Überschrift „Suchst Du Wellness, gehe in den Garten!“: „Wie bei einer Indoor-Wellnessoase verlangt allerdings auch der Wellnessgarten ein hohes Maß an ästhetischer, bautechnischer aber auch gärtnerischer Detailqualität. So gestaltet wird dieses lebende Paradies seine auf feinste Sinnenswahrnehmungen sensibilisierten Besucher und Besucherinnen dann jedoch überzeugend bedienen, über viele Jahre und – in wechselndem Antlitz – zu jeder Jahreszeit.“ Jürgen Woldt meinte dazu: „Die Gegenwart der Natur, ob nun indoor oder outdoor, dient der Authentizitätsentwicklung von Menschen. Wenn diese erreicht ist, kann und sollte daraus Wohlbefinden und Zufriedenheit resultieren. Die Gegenwart der Natur sollte also den Bewußtseinszustand deines Seins aktivieren. Wenn es dich nur kuriert im Sinne von Wohlbefinden und Zufriedenheit, so ist es eine blosse Kurationsmaßnahme und zu oberflächig ohne Nachhaltigkeit.“ Ich selbst schaltete mich auch in die Diskussion ein: „Man könnte der Meinung sein, es ist der Garten, der den Menschen in einen Wellness-Zustand versetzt, wenn er denn entsprechend funktional (und damit auch emotional wirksam) gestaltet ist. Aber nach meinem Verständnis (was sich wohl mit dem von Jürgen Woldt deckt) ist Wellness gar kein Zustand, der von außen erzeugt wird, sondern es ist ein innerer Prozess, eine Lebenshaltung, eine Mentalität, sich im Sinne seiner eigenen Natur und seiner Potenziale bis zum letzten seiner Tage zu entfalten und dies bewusst und in vollen Zügen zu genießen. Glück, Zufriedenheit, Wohlbefinden, etc. zu empfinden gelingt ja nicht in erster Linie durch die äußeren Reize und Bedingungen, sondern durch die Empfänglichkeit dafür. So möchte ich sagen: In Ihren Gärten drückt sich Ihr eigener Wellness-Prozess aus – und mich macht es froh, daran teilhaben zu dürfen.“ Manuel Sauer gab daraufhin zu bedenken: „Vielleicht lassen Sie sich einmal darauf ein: Wellnessgarten – das klingt irgendwie einleuchtend, doch was ist das? Was unterscheidet ihn überhaupt vom ‚normalen‘ Garten? Ist er nur ein Trendbegriff für grüne Sinnespfade oder bietet er bestimmte sinnvolle Inhalte darüberhinaus? Was sagt uns der Gartenbegriff heute überhaupt? …Oder auch: Wie sähe ‚Dein‘ persönlicher Wellness-Garten aus – und warum?“

Noch viel zu tun im Bildungsbereich

Seit vielen Jahren ist die Qualität von Bildungsangeboten im Wellness-Markt eines unserer Dauer-Ärgernisse. Hierzu äußerte sich Peter Susat, Vorstandsmitglied des DWV und Bildungsexperte im DWV-Kompetenzteam: „Die Anzahl von Wellnessaus- oder -weiterbildungen an einem oder mehreren Wochenenden oder an wenigen Tagen nimmt ständig zu. Es geht dabei um vielfältige Wellnessthemen wie Massagen, Entspannungstechniken, alle Arten von Yoga, aber auch um Pilates, Rückenschule oder Nordic Walking etc. Die Gebühren für diese Lehrgänge verhalten sich häufig umgekehrt proportional zur Unterrichtsqualität und Anzahl der Gesamtunterrichtsstunden.“
Es wurde ferner die Frage diskutiert, ob eine Akademisierung in der Ausbildung für den Wellness- und Spa-Markt Sinn macht – und wenn ja, für welche konkreten Tätigkeiten bzw. Berufe. Christoph Hasenstab plädiert für den Bachelor-Abschluss bei beratenden und Management-Berufen. Peter Susat kann sich auch eine BWL-Spezialisierung für Spa-Management vorstellen.

Der Spa-Consultant Raoul Kroehl stellte die (fehlenden) Kompetenzen der Spa-Manager in den Fokus seiner Betrachtungen: „Es herrscht eine hohe Variabilität in den Anforderungen, doch es kristallisieren sich immer mehr die Kompetenzfelder des Spa-Managers heraus, welche entscheidend sind aber oftmals fehlen: Personalmanagement, Controlling, Marketing, Qualitätsmanagement und (immer wieder) der Verkauf bzw. Beratung des Gastes. Es reicht einfach nicht mehr aus, im Arbeitsmarkt diese Felder mit „Praxiserfahrung“ kompensieren zu  versuchen. Der Markt fordert diese Schlüsselqualifikationen, um die z.T. Millioneninvestitionen professionell und erfolgreich führen zu können. Der größte Beschäftigungszweig für Spa-Manager ist die Hotellerie, welche sich mit Mitarbeiteraus- und Weiterbildung traditionell schwer tut. Von Ausnahmen abgesehen kauft man gerne am Markt Talente ein (wenn das Budget reicht), bildet selbst aber ungern weiter. Dennoch benötigt die Hotellerie eine deutlich höhere Qualifikation seiner Spa-Manager als sie bisher am Markt zu finden ist.“

Wellness-Marketing im Zeichen von Social Media

Viele aufschlussreiche Kommentare gab es zum Thema „Wellness & Web“. Dabei interessierte vor allem der Hype um die neuen Social Media Instrumente, allen voran Facebook. So schrieb der Spa-Marketing-Fachmann Wolfgang Falkner: „Jeder Hotelier, jeder Spa-Betreiber und jeder Geschäftsführer einer Therme wird mir zustimmen, wenn ich sage, dass Empfehlungen überaus wichtig sind. Social-Media bieten Empfehlungsmarketing mit einer ungeheuren Effizienz auf globaler Ebene. Aus Mund-Propaganda wird Welt-Propaganda!“ Web-Marketing-Experte Swen Laempe gab daraufhin zu bedenken: „In letzter Zeit gibt es immer mehr Stimmen, die behaupten, eine gut gemachte Facebook-Fanseite könne – und werde – in Zukunft die Hotel- oder Spa-Website ersetzen. Also Website abschalten und Facebook anschalten oder aufrüsten? (…) Auch Web 2.0 kostet Geld. Das glauben Sie nicht? Wurde Ihnen Social Media als schönes, neues, kostenloses Marketing-Instrument angepriesen? Unsere Erfahrung ist eine andere! Was Sie investieren müssen, ist Zeit! Auf den Aufwand angesprochen, scheuen sich Experten leider oft genug, ehrlich zu antworten. Wir nicht: Ein erfolgreiches Social Media Projekt sollte mindestens mit 1 Stunde Zeit am Tag je Kanal ausgelegt sein. Die wird benötigt für: Beobachtung, Mediarecherche, Ideenfindung und Konzeption, Redaktion und Themenplanung, Bearbeitung, Kommentierung … und natürlich für den Dialog mit Gästen und virtuellen Freunden. Diese Arbeitszeit, also mindestens 60 Minuten täglich, nicht nur werktäglich, muss finanziert sein. Und sollte aufgrund von mangelnder Social Media Kompetenz ein Image-Schaden in diesen Netzwerken aufkommen – dann wird´s richtig teuer.“

Wellness und Spa – wie passt das zusammen?

In Frühjahr 2010 fand in Istanbul der Global Spa Summit statt – eine internationale Konferenz der Spa-Branche.  Hier erweckte eine Studie von STR Research Aufsehen, die sich mit dem Zusammenspiel von Spa und Wellness auseinandergesetzt hatte. Fazit: Der Wellnessbegriff ist in der Spa-Branche angekommen (hier muss man wissen, dass anders als in Deutschland Spa und Wellness in anderen Ländern teilweise noch so gut wie keine Schnittmengen haben). 2 Billionen US-Dollar Jahresumsatz sei weltweit in 2009 mit Wellness gemacht worden. 300 Mio. aktive Wellnessverbraucher gäbe es bereits. Dr. Don Ardell stellte diese Zahlen in einem ausführlichen Beitrag infrage, vor allem deshalb, weil das Konzept Wellness viel zu vage definiert worden sei.

Hildegard Dorn-Petersen, die sich in verschiedenen Themenbereichen mit ihren Beiträgen zu Wort meldete, kommentierte ebenfalls den Global Spa Summit (GSS) und die SRT-Studie: „Die Menschen sind in zunehmendem Maße bereit, Selbstverantwortung zu übernehmen und gesünder leben. Was sie dazu tun sollten, wissen sie schon. Vielmehr brauchen sie, wie Don Ardell ausführt, Hilfestellung wie sie das wohl am besten umsetzen und dabei bleiben. Die Lösung wäre die Erfindung eines „Concierge Service“, über die sich Philippe Bourguignon als Keynote-Sprecher auf dem GSS Gedanken machte.“

Dr. Don Ardell stellte nicht nur auf dem Deutschen Wellness Gipfel im August 2010, sondern auch auf der Wellness-Agenda sein Konzept REAL Wellness vor und empfahl es der Spa-Branche als Weg in deren Zukunft – auch unter ökonomischen Aspekten: „Spas can do more than offer stress relief, weight loss, facial beauty enhancement, imaginary anti-aging and a pleasurable experience and a good time – though all of these are well and good. Spas can offer an environment and educational programming that leads to an outcome that, until now with the advent of the SRI report and the growth of a wellness marketplace, has never be imagined, dreamed or spoken of – helping visitors to become better human beings. That and nothing less is the promise of the highest form of wellness envisioned so far – REAL wellness. (…) One shared challenge is find best ways to attract new business for spas while at the same time shaping the evolution of the public understanding of genuine wellness. This must be done in a manner that not only attracts a dramatically wider audience for spa offerings but also boosts quality of life for all who participate.“

Wohlbefinden … und viel mehr

Dass Wellness nicht auf Massage, Kosmetik und Sauna zu reduzieren ist, stellte auch die Ärztin Dr. Zarmina Penner fest: „Wenn Sie mich fragen würden, was mein allererstes Ziel im Alltag ist oder wenn Sie mich fragen würden, was das höchste Ziel in meinem Leben ist, was über allen Zielen steht, dann würde ich sagen, das ist Wohlbefinden. (…) Kurze wohltuende Anwendungen und menschlicher Zuwendungen aller Art sind hilfreich, aber nicht wirklich nachhaltig. Die Wirkung verfliegt schnell. Nachhaltiges Wohlbefinden beginnt im Kopf, genauer gesagt im Geist. Und wenn man im Geist nicht anfängt, blockiert der resolute Geist alle Bemühungen.“
Dabei beinhaltet das Konzept „Wellness“ durchaus noch mehr als Wohlbefinden, so Jürgen Woldt in einem anderen Beitrag: „In den 90er Jahren wurde mir klar, dass Wellness nicht Wohlbefinden bedeutet, sondern dass Wellness viel umfänglicher und vielschichtiger betrachtet werden muss, nämlich als ein Lebenskunstkonzept. Gemeint ist damit, die Kunst wie Menschen individuell im Alltag Fähigkeiten entwickeln mit Herausforderungen so umzugehen, dass sie ihr Leben im Sinne eines Kohärenzgefühls genießen können. (…) Wir dürfen Wellness nicht betrachten unter dem Aspekt der Kuration, was bedeutet, Maßnahmen zur Anwendung zu bringen, um verbesserte Funktion herbeizuführen – egal ob nun körperlich, emotional oder mental. Vielmehr ist Wellness ein Seinszustand, der geprägt ist von meiner Fähigkeit, in meiner Umgebung für mich sinnvoll handeln zu können. Die Nebeneffekte können dann sein: Genuss, Wohlbefinden, Zufriedenheit, usw.“

Das Teilen und der Austausch über all diese Meinungen, Standpunkte, Erlebnisse und Informationen hat für mich einen außerordentlichen Wert. Ich danke den Menschen, die sich daran beteiligt haben. Wir werden nach neuen Wegen suchen, die Wellness-Agenda auch in 2011 fort zu schreiben.

Lutz Hertel

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Ist Gemütlichkeit peinlich?

Geposted Wellness Gestaltung am März 1st, 2010 von Lutz Hertel – 3 Comments

SPA Lounge im Hotel Ritter/ JOI-Design

Wir (JOI-Design) sind gestalterisch tätig für Wellnessanlagen, Restaurants und Hotels.
Von der Ausbildung her sind wir Innenarchitekten – aber oft steht unsere Arbeit im Widerspruch zu gängigem Architekten-Mainstream.
Architekten mögen es gerne schwarz / weiß kariert, sie suchen Bezugspunkte, versuchen fluchtende Linien zur Deckung zu bringen, reduzieren Form und Farbe bis zum weißen Würfel, betreiben Formalismus ohne auf Praktikabilität zu achten …. ?
Ist das der Grund, warum unser Terrain zunehmend an Generalunternehmer und planende Ausführungsbetriebe geht?
Haben Innen-Architekten generell eine Cool-Design-Macke, die sie per se disqualifiziert Bereiche zu gestalten, in denen sich Menschen wohl fühlen sollen?
Muss das „wahrhaftige, schöne, gute“ dem Architekten so gerne nachjagen immer entrückt, unnahbar sogar unterkühlt sein?
Ist Gemütlichkeit peinlich ????????????
Unter Architekten wird Behaglichkeit oft assoziiert mit Bierdunst geschwängerter Luft, thumber Volkstümelei, rustikalem Spießertum, … und noch schlimmerem.
Im Gegenzug sehen breite Teile der Bevölkerung die Architekten als Spinner im Elfenbeinturm, die menschenfeindliche Räume bauen – die eher an Schlachthäuser als an „Wohlfühlbereiche“ erinnern.
Vielleicht ist an Beidem etwas dran!
Möglicherweise denkt man bei „Architekt“ automatisch an die Stars der Szene, die vor allen Dingen bekannt würden durch Bürotürme in Stahl und Glas.
Unser Selbstverständnis ist jedoch ein Anderes:
Wir wollen mit unserem Design nicht Menschen erziehen, sondern wir wollen sie mit Atmosphäre umarmen. Menschen sollen sich in unseren Räumen wohl fühlen – insbesondere in der Freizeit und ganz speziell, wenn sie fast nackt, dem Raum schutzlos ausgeliefert sind.
Wellness-Gestaltung ist aus unserer Sicht auch ein Stück optischer Wellness. Wohlbefinden für das Auge. Wohlbefinden im Raum ist auch ein Stück Wohlbefinden für die Seele – und damit ein Kernthema des Wellnessgedankens, der ohne „gute“ Innenarchitektur nicht zu Ende gedacht ist!

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