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Reboot Wellness – Was ist damit gemeint?

Geposted Reboot Wellness am Dezember 11th, 2009 von Mark Schmid-Neuhaus – 7 Comments

Computernutzer kennen das: das System wird immer langsamer…es geht immer weniger. Man braucht immer länger auch für die einfachsten Verrichtungen…schließlich hilft nur ein “Reboot” – ein neuer Anfang. Davor wird bei den Computern das System heruntergefahren, die Arbeitsspeicher werden geleert, Routinen, die mehr und mehr Kapazität unsichtbar im Hintergrund in Anspruch genommen haben, beendet, um dann wieder neu mit dem Eigentlichen, auch dem Ursprünglichen, dem Wesentlichen von vorne zu beginnen. Das also ist mit Reboot Wellness gemeint.

Poetischer hat Hermann Hesse das in seinem Gedicht “Stufen” ausgedrückt. “Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde”. Das kann und sollte man bei einem Blick auf das Gesundheitswesen durchaus als Appell wörtlich nehmen. Dann müsste man feststellen, dass das, was wir Gesundheitswesen nennen, eigentlich korrekter als Krankheitswesen bezeichnet werden müsste. Nicht nur, dass von Gesundheit kaum die Rede ist. Alles ist zentriert auf Krankheit. Pathogenese, nicht Salutogenese ist die Achse um die sich alles dreht. Ob Salutogenese, also die Frage, was eigentlich Gesundheit schafft, in absehbarer Zeit die Aufmerksamkeit bekommen wird, die diesem Thema beziehungsweise dieser Frage eigentlich zukommt, erscheint mir meilenweit vom Fokus unserer öffentlichen Aufmerksamkeit entfernt zu sein. Aufmerksame Betrachter dieses Problemfeldes werden sich wahrscheinlich noch lange mit luziden Betrachtungen wie denen von Hans-Georg Gadamer ” Über die Verborgenheit der Gesundheit” (Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1993 – 2te Auflage) begnügen müssen oder sie überlegen sich, dass etwas getan werden muss und beteiligen sich zum Beispiel mit Beiträgen an unserem Blog oder machen sonstwie deutlich, dass Gesundheit es verdient, aus ihrer Verborgenheit hervorgeholt zu werden. Das könnte dazu führen, dass mehr Menschen sich aktiv und selbstverantwortlich um ihre Gesundheit kümmern.

Genau dieses war die Intention der ursprünglichen Wellness-Bewegung. Don Ardells Buch: High Level Wellness – An Alternative to Doctors, Drugs and Disease (Rodale Press 1977) kondensierte die Perspektiven der in den 1950er Jahren in den USA entstandenen Gesundheitsbewegung zu einem aktionszentrierten Ansatz, der wohl eine eher kleine Gruppe wirklich begeisterte und in der Tat ein engagiertes Plädoyer für die großen Möglichkeiten war, die sich denjenigen eröffnen, die sich tatsächlich aktiv ihrer eigenen Gesundheit annehmen. Heute mehr als 30 Jahre später kann man zwar sehen, dass die Grundprinzipien eines wellnessorientierten Lebensstils funktionieren. Die Protagonisten sind immer noch rebellisch und erstaunlich lebendig…sie zeigen beim näheren Hinschauen, dass man mit einer aktiven Wellnessorientierung gut altert; und das ist angesichts unserer demographischen Gegebenheiten kein unwichtiger Aspekt. Handlungsrelevant in unserer gegenwärtigen gesundheitspolitischen Diskussion ist das allerdings noch nicht. Noch ist Krankheit eine so attraktive Geschäftsgelegenheit, dass die Thematisierung von Gesundheit in ihren Kernaspekten, so wie die frühe Wellnessbewegung das praktiziert hat, kaum ein öffentliches Thema ist.

Wellness 2009 ist ein Begriff, den die Geschäftemacher erfolgreich gekapert haben. Wellness steht auf vielen Sachen und Angeboten drauf…ob Wellness drin ist, ist der näheren Betrachtung wert. In unserem Blog werden wir solche Betrachtungen anstellen und hoffen auf ein lebendiges, kritisches, aktives Echo unserer Leser. Eine Leitfrage wird uns dabei immer beschäftigen: wo sind die ungenutzten Potentiale in unserem Gesundheits- wie auch Krankheitssystem?

Eine erste und klare Anwort auf die Frage findet jeder, der sich mit der Geschichte der Wellnessbewegung beschäftigt: das größte, aber wahrscheinlich am meisten vernachlässigte Potential sind wir selbst mit einer Vielzahl ungenutzter Fähigkeiten und Möglichkeiten. In der Vielzahl der cleveren Angebote der Gesundheits- wie auch Krankheitsmärkte ist dieser Aspekt wenig sichtbar – ganz wie Gadamer es in seinem Essay zur Verborgenheit der Gesundheit subtil beschreibt.

Im Moment reden wir im Kontext der gerade konfigurierten Klimakonferenz in Kopenhagen von einer möglichen Klimakatastrophe. Vielleicht reden wir demnächst auch von einer möglichen Gesundheitskatastrophe. Wir sollten nicht darauf warten und erst dann etwas tun…

Ob Igel-Leistungen ( Individuelle Gesundheitleistungen) die richtige Antwort sind, sollte man kritisch hinterfragen, wie die ARD- Panorama-Sendung  am 10.12. 2009 getan hat.Auf seiner Website fasst Panorama den Beitrag wie folgt zusammen:

“In vielen Arztpraxen geht es bisweilen zu wie auf dem Jahrmarkt: Plakate und Broschüren informieren über alle möglichen Vorsorgeuntersuchungen, neuartige Behandlungsmethoden werden den Patienten als Heilsbringer angepriesen.

Arzt mit Stethoskop.  Fotograf: Patrick Pleul

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Kassenpatienten werden in Deutschland offenbar immer häufiger von Ärzten zu Behandlungen und Untersuchungen gedrängt, die sie teuer aus eigener Tasche bezahlen müssen. Viele davon sind noch dazu von fragwürdigem Nutzen. Um möglichst viele dieser so genannten  “IGEL-Leistungen” an den Patienten zu bringen, lassen sich Ärzte in speziellen Seminaren zu perfekten Verkäufern schulen.

Dass diese “Individuellen Gesundheitsleistungen” dabei häufig schlecht erforscht und wirkungslos sind, verschweigen die Ärzte gerne. Denn mit solchen Angeboten verdienen sie ein Vielfaches dessen, was ihnen eine normale Kassenbehandlung einbringen würde. Mittlerweile wird der Umsatz mit solchen Leistungen auf eine Milliarde Euro jährlich geschätzt.”

Nur ein aktuelles Beispiel für die Konfusion auf Märkten, wo deutlich wird, dass der “mündige Patient” oder der “kompetente Verbraucher” wohl bisher kaum existiert.

“Reboot Wellness” meint, dass genau die Kompetenz, die Spreu vom Weizen zu trennen und klar entscheiden zu können, was der Gesundheit nützt und was nicht, eine der Kernkompetenzen eines in Selbstverantwortlichkeit trainierten Bürgers ist. Damit kann er dann auch entscheiden, ob in Angeboten, auf denen Wellness oder “das ist gut für Ihre Gesundheit” steht, ihm ein fairer Deal angeboten wird oder ihm eine Mogelpackung untergejubelt wird, die vor allem dem Anbieter nützt und die in der Regel das Geld nicht wert ist, das hier gefordert wird. “Reboot Wellness” meint, an die aufklärerische Qualität der frühen Wellnessbewegung anzuknüpfen und mit einem klaren Blick das Geschehen auf den Gesundheitsmärkten einzuschätzen. Was dabei in den Mittelpunkt tritt ist eine simple Wahrheit. Ich zitiere dazu aus Don Ardells letztem Buch “Aging Beyond Belief”:

Somebody has to do something;

and it is just incredibly pathietic

that it has to be us.

Jerry Garcia, Grateful dead -

Das tiefe Credo der originären Wellness-Bewegung meint genau das: Wir selbst müssen etwas tun. Das kann heißen: genügend eigene körperliche Aktivität, weil unser Körper auf hinreichende Belastung programmiert ist oder aber richtige Ernährung, weil unser Körper genau so gut sachgerecht behandelt werden will wie unsere Autos mit leistungsfähigen Motoren, denen wir Superbenzin mit der richtigen Oktanzahl spendieren, damit sie leistungsfähig bleiben und nicht vorschnell am Straßenrand verecken. Natürlich ist es eindrucksvoll, wenn der Chrom glänzt…aber ob das Auto dadurch besser fährt???  Der Wellness-Bewegung geht es auch heute  noch um diese Kompetenz…die scheint in der Fülle und unter dem Druck der glitzernden und verführerischen Angebote etwas verloren gegangen zu sein. Deshalb unser Hinweis: Reboot Wellness! oder kümmern Sie sich um Ihre Gesundheitskompetenz!


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