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Neue Medizin – Medical Wellness

Geposted Medical Wellness am Januar 15th, 2010 von Martin Klein – 7 Comments

Man weiß gar nicht so recht, wo man anfangen soll.
Medizin, Gesundheit, Wellness, Bewegung, Sport und viel des andere mehr sind Dauerthemen in den Medien, bei denen mehr oder weniger jeder mitreden kann und in denen sich fast jeder als „Experte“ fühlt. Viele werden sich fragen: was hat Medizin mit Wellness zu tun? Oder: was hat Bewegung und Sport mit Wellness und mit Medizin zu tun?
Ich glaube, sehr viel! Und ich möchte dies ein wenig beleuchten und hoffe, dass die Diskussion uns alle in die richtige Richtung weiter bringt.
Viele kritische Stimmen fordern schon lange ein generelles Umdenken in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Dieses Umdenken ist heute mehr denn je notwendig. παντα ρει– alles fließt, wusste schon der griechische Philosoph HERAKLIT. Und wer nur ein wenig nachdenkt sieht: alles spricht für einen dringend notwendigen Wandel auf vielen Gebieten. Besonders auch in der Medizin. Über diese Medizin sagte die Barmer GEK Chefin Birgit Fischer am 05.1.2010 im Spiegel online: „Unser Gesundheitssystem ist ein Reparaturbetrieb“
http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,669913,00.html
Frau Fischer weiter auf die Frage, welche Änderungen notwendig sind: „Indem wir keine absurden Debatten mehr führen, in denen permanent Angst vor einem Versorgungsnotstand geschürt wird. Beispiel Ärzte: Wir müssen endlich den wahren Bedarf ermitteln, dann Konzepte zur Versorgung und Qualitätsstandards entwickeln, an denen sich gute Arbeit und eine entsprechende Vergütung orientieren. Es muss für die Patienten transparent sein, wer welche Leistungen zu welchem Preis und zu welcher Qualität erbringt“ … und auf die Frage nach der Rolle der Patienten (immerhin sind die Deutschen Weltmeister bei Arztbesuchen): „Natürlich hat jeder eine Eigenverantwortung, deshalb ist mir das Thema Prävention so wichtig. Derzeit ist unser Gesundheitswesen vor allem ein Reparaturbetrieb. Würde jeder stärker auf seine Gesundheit achten, könnten etliche Krankheiten vermieden werden“.

Aber wie ist das mit dem notwendigen Umdenken? Die schnelllebigen, ständigen wissenschaftlichen, technischen, politischen, aber auch ethischen Forderungen unterliegende Gegenwart hat ihre ganz besonderen Gesetze, die voreiliges Umdenken zum Wagnis machen können. Die von Fr. Dr. Penner im Blog angedachte „Revolution“ wird also ziemlich schwierig werden. Der Grund: es fehlt ein gesellschaftlicher Konsens, was wir uns in Sachen Gesundheit, Diagnostik und Therapie leisten wollen und können. Zu welchen finanziellen Zugeständnissen sind wir bereit, damit wir eine Medizin bekommen, die Qualitätsansprüchen genügt und die nicht nur teuer ist? Wollen wir auf Urlaub oder neue und größere Autos unserer Gesundheit zu liebe verzichten?
Noch immer gilt auch, dass die Patienten ein großes Vertrauen zu ihren Ärzten haben. Ist das generell gerechtfertigt? Haben die Patienten, wie es Frau Fischer richtig fordert, die Möglichkeit zu unterscheiden zwischen gut und weniger gut? Und wer sagt uns eigentlich, was für den Patienten gut ist und ob er das überhaupt haben möchte?
Ich darf noch einmal Frau Fischer zitieren: … Fakt ist, dass alle Lobbygruppen ihre Schutzzäune immer höher bauen und mit aller Macht verteidigen: Die Vertreter von Ärzten, Pharmaherstellern und Apotheken handeln mit der Politik Lösungen aus, mit der zwar alle Interessenvertreter leben können. Wer bei den Gesprächen aber fast nie im Mittelpunkt steht, ist der Patient.
Neue Medizin könnte also bedeuten: der Mensch mit seiner Tendenz zur Trägheit, seiner Neigung zur Krankheit und mit seinen Schwächen, aber auch mit seinem Potential, sich selbst helfen zu können, steht im Mittelpunkt unseres Denkens und Handelns. Eine Neue Medizin versteht sich dabei als sich ständig wandelnde Institution, als Teil des Lebens, die zwischen Geburt und Tod versucht, individuelle Bedürfnisse von Menschen zu befriedigen – sei es mit vorbeugenden Maßnahmen, sei es als „Hilfe zur Selbsthilfe“ bei Befindlichkeitsstörungen und natürlich auch als moderne Hochleistungsmedizin, die in vielen Fällen auch Reparaturen durchführen kann und muss. Sie versteht sich aber auch als Wegweiser und Kompass, wenn es darum geht, den ratsuchenden Menschen Alternativen und Wege aufzuzeigen, wenn es um die Darstellung verschiedener Behandlungsmöglichkeiten geht.

Letztendlich käme man damit zurück zu den Wurzeln der „modernen Medizin“. Hippokrates (*um 460 v. Chr. auf der Insel Kos in Griechenland) ist es, der heute wie in der Antike für viele Menschen und speziell für die Ärzte jeder Fachrichtung das Leitbild des idealen Arztes verkörpert, der wissenschaftliches Denken mit ärztlicher Erfahrung und hohem ärztlichen und menschlichen Ethos verbindet und der damals schon eine Neue Medizin begründete. Er behandelte nicht die Krankheit, sondern stets den ganzen Menschen, indem er dessen natürliche Heilungskräfte durch Diät, Umstellung der Lebensweise, durch Medikamente in Form pflanzlicher Drogen und letztlich durch die Chirurgie unterstützte. Ein wesentlicher Faktor in der Krankengeschichte (Anamnese) und Diagnose waren daher auch die Lebensumstände des Patienten, seine Konstitution oder auch sein Beruf. Mit dieser besonderen Wertschätzung der systematischen Beobachtung für die Diagnose und therapeutischen Umsetzung brach Hippokrates mit der Tradition der an die Götter und magischen Kräfte gebundenen Medizin – so wie sie heute offensichtlich manchmal auch wieder im Denken einer von der „Wissenschaft“ enttäuschten Gesellschaft Einzug hält. „Zurück zu den Wurzeln, zurück zu Hippokrates“, sollten wir uns zurufen.

Was würde die neue = alte hippokratische Medizin leisten können?

Dazu ein Blick in die bundesdeutsche „Alte Medizin“: 80% der Mediziner können (so wie ich) oder wollen die englischsprachige Literatur nicht lesen. Die deutschen wissenschaftlichen Veröffentlichungen sind in der Medizin aber leider lange schon nicht mehr weltweit führend. Man pflegt trotzdem oder vielleicht gerade deswegen weiter die „deutschen Tugenden“ der Medizin: „unsere Patienten loben uns doch immer, deswegen muss die Medizin gut sein“. Ich habe einmal gehört, dass sich bestimmte Methoden letztendlich erst nach 15 Jahren durchsetzen – bei einer Halbwertzeit des Wissens von 5 Jahren….. Ergebnis: laut einer Studie einer gesetzlichen Krankenkasse werden 90% der Rückenschmerzpatienten über- und fehlversorgt! 90%!
Was hätte eine Neue Medizin dem entgegenzusetzen? Ich will dies am Beispiel aus dem Sport verdeutlichen. In den letzten Jahren hat sich herausgestellt, dass man allein mit den „Deutschen Tugenden“ im Fußball international nicht mehr mithalten kann. Man schaue sich die aktuellen Bundesligamannschaften an: man ist dazu übergegangen, Individuen aus aller Herren Länder zu suchen und sie zu einem homogenen Mannschaftsgefüge zu formen. Dabei gibt es immer wieder auch einmal die Situation, dass ein Spieler nicht ins Konzept des Vereins oder des Trainers passt, der dann aber in einer anderen Mannschaft Kariere macht. Und, auch das ist neu: viele Trainer arbeiten nicht mehr allein, sondern haben einen Stab von Spezialisten, die sich als Team individuell um die Spieler kümmern.
Übertragen auf die Medizin bedeutet dies: wir müssen uns weltweit anschauen, was sich bei wem bewährt hat und dies auf uns übertragen. Das wird nicht bei jedem passen. Auch in einer Fußballmannschaft gibt es Abwehrspieler und Angreifer, es gibt Filigrantechniker oder eher robuste Typen. Die Kunst des Trainers besteht darin, zu erkennen, was seine Mannschaft benötigt – in der Medizin müssten der Arzt oder beispielsweise die Krankenkassen dies tun. Dabei gilt für den Arzt: entweder er weiß selbst, was für welchen Patienten das Richtige ist oder er hat Kollegen (im Fußball nennt man das Trainerstab), die Bereiche abdecken, die er selbst nicht beherrscht. Ich zitiere noch einmal Frau Fischer von der Barmer GEK: „Was das medizinische Know-how angeht, gehört unser System zu den besten der Welt. Was uns aber nicht gelingt, ist die engere Verzahnung des vorhandenen Wissens. Es muss zu einer viel besseren Koordination zwischen Hausarzt, Facharzt und Krankenhaus kommen.“ Ich bin der Meinung: das reicht nicht aus: Es gibt wesentlich mehr Disziplinen, die sich um das Wohl der Menschen kümmern und die im Sinne der hippokratischen Medizin zum „Team“ gehören sollten. Vorausgesetzt, auch sie erfüllen gewisse Qualitätsstandards und verstehen sich damit als Teil eines Ganzen und nicht als Einzelkämpfer (beispielhaft möchte ich nennen: Psychotherapeuten, Sportwissenschaftler, Sportlehrer, Lehrer, Kindergärtnerinnen, Krankenschwester- und –pfleger, Altenpfleger/Innen, Journalisten, Kirchenvertreter, Industrie, Arbeitgeber, Selbsthilfeorganisationen oder vor allem auch kompetente Betroffene/Patienten und viele andere mehr).

Ich werde versuchen, einzelne Aspekte in den nächsten Wochen weiter zu beleuchten und freue mich auf eine rege Diskussion.

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